Neuromotorische Therapie nach Renata Horst
Entwicklung und Kindheit – vom Saugen zur motorischen Selbstständigkeit
Neuroorthopädische Therapie im Kindesalter auf Grundlage des N.A.P.®-Konzepts
Kursbeschreibung
Wie entwickelt ein Kind die Fähigkeit, seinen Kopf zu kontrollieren, zu saugen und zu schlucken, sich abzustützen, seine Körperposition zu verändern, zu greifen und schließlich selbstständig zu stehen und zu gehen?
Welche biomechanischen und neurophysiologischen Voraussetzungen sind dafür erforderlich? Wie hängen Wahrnehmung, Haltung und Bewegung miteinander zusammen? Und wie können wir therapeutisch Einfluss nehmen, wenn die Entwicklung dieser Fähigkeiten beeinträchtigt ist?
Im Mittelpunkt dieses praxisorientierten Kurses steht das Verständnis der funktionellen Zusammenhänge zwischen neuronaler Organisation, sensorischer Verarbeitung, muskuloskelettalen Voraussetzungen und motorischer Entwicklung.
Auf Grundlage des von Renata Horst entwickelten N.A.P.®-Konzepts lernen die Teilnehmenden, kindliche Bewegungsstrategien zu beobachten, funktionell zu analysieren und daraus individuelle therapeutische Maßnahmen abzuleiten.
Nicht die Anwendung festgelegter Behandlungsschemata, sondern das individuelle Aktivitätsziel des Kindes bestimmt die therapeutische Vorgehensweise. Grundlage dafür ist das Clinical Reasoning im Sinne des biopsychosozialen Modells der ICF.
Anhand ausgewählter Fallbeispiele aus der Säuglings- und Kindertherapie werden neurophysiologische und biomechanische Zusammenhänge mit praktischen Interventionen verknüpft.
Die Teilnehmenden erfahren, wie durch gezielte manuelle Unterstützung während sinnvoller, aktiver Handlungen biomechanische Voraussetzungen verbessert, funktionelle Bewegungsstrategien unterstützt und motorische Lernprozesse gefördert werden können.
Der Kurs bietet sowohl einen fundierten Einstieg in die neuromotorische Kindertherapie als auch neue Perspektiven für Therapeutinnen und Therapeuten mit pädiatrischer Berufserfahrung.
Kursinhalte
1. Motorische Entwicklung und neuronale Organisation
- Meilen- und Grenzsteine der sensomotorischen Entwicklung
- Bedeutung frühkindlicher Reflexe im Kontext der motorischen Entwicklung
- Sensorische Verarbeitung, Propriozeption und vestibuläre Organisation
- Zusammenspiel von Wahrnehmung, Haltung und Bewegung
- Motorisches Lernen und Entwicklung individueller Bewegungsstrategien
- Bedeutung von Motivation, Aufmerksamkeit und aktiver Problemlösung
- Einfluss vegetativer und emotionaler Regulationsprozesse auf Haltung und Bewegung
2. Funktionelle Anatomie und Biomechanik
- Funktionelle Zusammenhänge zwischen Kopfgelenken, Halswirbelsäule und zervikothorakalem Übergang
- Biomechanische Voraussetzungen der Kopfkontrolle und ihre Bedeutung für Saugen, Schlucken und Orientierung
- Entwicklung der Stützaktivität und Belastungsübernahme über die oberen Extremitäten
- Funktionelle Bedeutung der Beckenaufrichtung und der pelvitrochantären Muskulatur
- Zusammenspiel von Wirbelsäule, Thorax, Becken und Extremitäten bei Bewegungsübergängen
- Entwicklung der Fußfunktion und ausgewählte kindliche Fußfehlstellungen
- Biomechanische Voraussetzungen für Gleichgewicht, Aufrichtung und Fortbewegung
3. Funktionelle Bewegungsanalyse und Clinical Reasoning
- Beobachtung und Analyse individueller kindlicher Bewegungsstrategien
- Erkennen funktioneller Ressourcen und Einschränkungen
- Zusammenhang zwischen Körperfunktionen, Aktivitäten und Teilhabe
- Entwicklung therapeutischer Hypothesen aus der Bewegungsbeobachtung
- Formulierung individueller, alltagsrelevanter Aktivitätsziele
- Auswahl und Anpassung therapeutischer Maßnahmen
- Überprüfung der Intervention anhand funktioneller Veränderungen
4. Aktivitätsorientierte Therapie nach N.A.P.®
- Fazilitation von Kopfkontrolle, Stützaktivität und Bewegungsübergängen
- Therapeutische Unterstützung beim Drehen, Fortbewegen, Krabbeln und Aufrichten
- Förderung funktioneller Greif-, Stütz- und Handlungsaktivitäten
- Gezielte manuelle Interventionen während aktiver, sinnvoller Handlungen
- Einsatz taktiler und propriozeptiver Informationen zur Unterstützung der Bewegungsorganisation
- Anpassung therapeutischer Handkontakte an die Eigenaktivität des Kindes
- Förderung von Gleichgewicht, Koordination und funktioneller Mobilität
- Aktivitätsorientierte Interventionen bei ausgewählten neurologischen und neuroorthopädischen Krankheitsbildern, beispielsweise infantiler Zerebralparese (ICP), Schädel-Hirn-Trauma (SHT) und Ataxie
- Funktionelles Gang- und Treppentraining mit und ohne Hilfsmittel
5. Praktische Anwendung therapeutischer Techniken
- Demonstration und praktisches Erproben ausgewählter N.A.P.®-Techniken
- Funktionelle Bewegungsanalyse als Ausgangspunkt der Intervention
- Gezielte Unterstützung biomechanischer Voraussetzungen während aktiver Bewegungen
- Anpassung der Grifftechniken an unterschiedliche funktionelle Anforderungen
- Wahrnehmung und Beurteilung unmittelbarer Veränderungen der Bewegungsorganisation
- Übertragung der erlernten Prinzipien auf unterschiedliche therapeutische Situationen
Im Vordergrund steht nicht das isolierte Erlernen vorgegebener Grifftechniken, sondern das Verständnis, wann, warum und mit welchem funktionellen Ziel eine bestimmte therapeutische Unterstützung sinnvoll ist.
Methodisch-didaktisches Vorgehen
Die Inhalte werden anhand klinischer Fragestellungen, ausgewählter Videobeispiele, funktioneller Bewegungsanalysen, Demonstrationen und praktischer Übungen vermittelt.
Ausgehend von einer konkreten Aktivität werden die dafür notwendigen biomechanischen und neurophysiologischen Voraussetzungen analysiert. Darauf aufbauend entwickeln die Teilnehmenden therapeutische Hypothesen, erproben geeignete Interventionen und überprüfen deren Wirkung auf die angestrebte Aktivität.
Die praktischen Übungen dienen nicht dem Einüben starrer Technikfolgen, sondern dem Verständnis der zugrunde liegenden Prinzipien und ihrer flexiblen Anwendung.
Unterschiedliche Aufgabenstellungen und variable Übungsbedingungen unterstützen die Übertragung auf individuelle therapeutische Situationen.
Die Auswahl und Vertiefung der Fallbeispiele orientieren sich an den klinischen Fragestellungen und Lernbedürfnissen der Teilnehmenden.
Die funktionell-anatomischen und neurophysiologischen Zusammenhänge werden unmittelbar anhand praktischer Beispiele erarbeitet. Dabei werden die unterschiedlichen beruflichen Perspektiven der Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie bewusst einbezogen.
Lernziele
Nach Abschluss des Kurses können die Teilnehmenden:
- grundlegende sensomotorische Entwicklungsprozesse beschreiben und aus funktionell-anatomischer und neurophysiologischer Perspektive analysieren,
- Zusammenhänge zwischen neuronaler Organisation, sensorischer Verarbeitung und biomechanischen Voraussetzungen erkennen,
- individuelle motorische Strategien beobachten und funktionell beurteilen,
- Zusammenhänge zwischen beeinträchtigten Körperfunktionen und eingeschränkten Aktivitäten erkennen,
- Ressourcen und funktionelle Einschränkungen im Rahmen alltagsrelevanter Bewegungsaufgaben identifizieren,
- klinische Hypothesen und individuelle therapeutische Aktivitätsziele formulieren,
- ausgewählte N.A.P.®-Techniken zur Unterstützung kindlicher Aktivitäten praktisch erproben und gezielt einsetzen,
- therapeutische Maßnahmen an die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse eines Kindes anpassen,
- die Wirkung therapeutischer Interventionen anhand funktioneller Veränderungen beurteilen.
Zielgruppe
Der Kurs richtet sich an Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sowie Logopädinnen und Logopäden, die bereits mit Säuglingen und Kindern arbeiten oder einen Einstieg in die pädiatrische Therapie suchen.
Ausdrücklich angesprochen sind auch Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger sowie Therapeutinnen und Therapeuten ohne bisherige Erfahrung in der Kindertherapie, die ein grundlegendes Verständnis für die sensomotorische Entwicklung, funktionelle Zusammenhänge und aktivitätsorientierte therapeutische Interventionen erwerben möchten.
Erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten erhalten die Möglichkeit, ihre bisherigen Behandlungsstrategien aus einer neuroorthopädischen Perspektive zu reflektieren und neue therapeutische Handlungsmöglichkeiten kennenzulernen.
Die Inhalte sind für alle drei Berufsgruppen gleichermaßen relevant. Unterschiedliche fachliche Vorkenntnisse werden im Kurs berücksichtigt.
Voraussetzungen
Abgeschlossene Berufsausbildung oder Studium in Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie.
Vorkenntnisse in der Kindertherapie oder eine vorherige N.A.P.®-Ausbildung sind nicht erforderlich.
Auch vertiefte anatomische Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Die für das Verständnis der therapeutischen Interventionen relevanten funktionell-anatomischen und neurophysiologischen Zusammenhänge werden im Kurs anhand konkreter Bewegungsaufgaben verständlich vermittelt.
Ergänzende Lernmaterialien und Nachbetreuung
Zur Unterstützung des Transfers in die therapeutische Praxis stehen ergänzende Lernmaterialien im Digitalcampus der N.A.P.® Akademie zur Verfügung.
Dazu gehören ausgewählte Demonstrationen funktioneller Aktivitäten und therapeutischer Vorgehensweisen. Ergänzend werden Übungen zum Treppensteigen anhand eines Modells veranschaulicht.
Auch nach Abschluss des Kurses besteht die Möglichkeit, Fragen zu den vermittelten Inhalten und deren Umsetzung in der therapeutischen Praxis zu stellen.
Weiterführende Qualifikation – N.A.P.®-Ausbildung
Dieser Kurs vermittelt einen praxisorientierten Einblick in die neuroorthopädische Kindertherapie und ausgewählte therapeutische Techniken des N.A.P.®-Konzepts.
Wer mehr Sicherheit in der praktischen Anwendung der N.A.P.®-Grifftechniken gewinnen und seine therapeutischen Fertigkeiten systematisch vertiefen möchte, kann diese Kompetenzen im Rahmen der weiterführenden N.A.P.®-Ausbildung ausbauen.
Die umfassende Ausbildung ermöglicht eine intensivere Auseinandersetzung mit den funktionell-anatomischen und neurophysiologischen Grundlagen, dem Clinical Reasoning sowie der gezielten Anwendung therapeutischer Techniken bei unterschiedlichen neurologischen und orthopädischen Krankheitsbildern.
Die N.A.P.®-Ausbildung ist keine Voraussetzung für diesen Kinderkurs, sondern bietet eine weiterführende Qualifikation zur Vertiefung der praktischen Handlungskompetenz.
Besonderheit des Kurskonzepts
Im Mittelpunkt steht nicht das isolierte Erlernen einzelner Behandlungstechniken oder die vollständige Bearbeitung bestimmter Krankheitsbilder.
Entscheidend ist das Verständnis, warum eine therapeutische Intervention in einer bestimmten Situation sinnvoll ist, wie sie die funktionellen Voraussetzungen einer Aktivität beeinflusst und woran ihre Wirksamkeit erkannt werden kann.
Die Teilnehmenden entwickeln damit die Grundlage, therapeutische Entscheidungen individuell, zielgerichtet und nachvollziehbar zu treffen.
Dozentin: Renata Horst, MSc Neurorehabilitation, Entwicklerin des N.A.P.®-Konzepts

